Es gibt einen Duft, der die Menschen seit sehr langer Zeit begleitet. Ein Rauch, der seit mehreren tausend Jahren durch die heiligen Räume der Menschen zieht. Von den Tempeln am Nil über die Karawanenstraßen der Wüste bis in die stillen Kirchen von heute. Er hat mehr Geschichte gesehen als die meisten Reiche dieser Erde.
Der Duft, der zu den Göttern stieg
Die Tempel Ägyptens brannten von Weihrauch. Am Morgen, am Abend, bei jedem Fest. Die Priester legten die goldenen Harzkörner auf glühende Kohlen, und der Rauch stieg auf in den hohen Stein, ein duftender Gruß, den die Menschen seit Langem mit dem Himmel verbinden. Duft galt in Ägypten als göttliche Eigenschaft, und so wurde der Weihrauch zum Duft, der zu den Göttern gehört. In den Totenriten spielte der Rauch eine Rolle. Bei der Einbalsamierung wurde Weihrauch nach dem Bericht des Herodot gerade nicht verwendet.
Schon Königin Hatschepsut schickte vor mehr als dreitausend Jahren eine Expedition ins ferne Land Punt, um lebende Räucherbäume zu holen. In den Tempeln Mesopotamiens und im alten Babylon stieg derselbe Rauch auf. Überall dort, wo Menschen beteten, lag etwas Goldenes auf der Glut.
Gold, Weihrauch und Myrrhe
Und dann liegt er in einer Krippe. Die Weisen aus dem Morgenland, so erzählt es das Matthäusevangelium, folgten einem Stern bis nach Bethlehem. Sie taten ihre Schätze auf und legten drei Gaben vor das Kind. Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Wie viele Weise es waren, sagt die Bibel nicht. Aus den drei Gaben wurde später die Zahl der drei Könige. Die Überlieferung gab ihnen die Namen Caspar, Melchior und Balthasar, die älteste bekannte Namensform lautet Bithisarea, Melichior und Gathaspa. Den Gaben wurde später eine Bedeutung zugeschrieben: Das Gold stand für den König, der Weihrauch für das Göttliche, die Myrrhe für den Menschen. Dasselbe Harz, das in den Tempeln der Pharaonen brannte, lag nun an der Krippe.
Die Weihrauchstraße
Seinen Weg in die Welt fand der Weihrauch über eine der ältesten Handelsstraßen der Erde. Von den Bergen des Dhofar im Süden des heutigen Oman zogen Kamelkarawanen nordwärts, durch den Jemen und die Wüsten Arabiens, bis nach Gaza und Damaskus. Mehr als zweitausend Kilometer. Fünfundsechzig Etappen mit Kamelrasten.
Entlang dieser Straße wuchsen Städte und Reiche. Petra, die Felsenstadt der Nabatäer, wurde reich durch das Harz. Die Königreiche Saba und Hadramaut lebten von den Karawanen, die durch ihre Täler zogen. In der Antike soll Weihrauch mit Gold aufgewogen worden sein, so erzählt es die Überlieferung. Plinius nennt sechs Denare pro Pfund für den besten Weihrauch. Wer die Straße beherrschte, hielt einen Schatz in den Händen.
Der Baum, der Tränen weint
All das beginnt an einem Baum. Die Boswellia wächst in den trockenen Bergen des Oman, des Jemen und Somalias, knorrig und klein, oft krumm gezeichnet vom Wind. Wer die Rinde behutsam anritzt, dem tritt ein milchiger Saft entgegen, der an der Luft zu goldenen Körnern erstarrt. Die Menschen nennen sie Tränen.
Geerntet wird bis heute von Hand. Geritzt, gewartet, gesammelt, getrocknet. Hojari ist eine traditionelle Herkunftsbezeichnung aus dem Oman und gilt als der beste der vier Grade. Royal Hojari und 1. Grad sind Handelsbezeichnungen, eine amtliche Norm gibt es dafür nicht. Sein Duft ist würzig und frisch zugleich. Ein Harz, das Jahrtausende überdauert hat, weil es seinen Wert nie verlor.
Vom Tempel in die Kirche
Als das Christentum entstand, zog der Weihrauch mit in die neuen heiligen Räume ein. Schon im Tempel der Israeliten brannte zweimal am Tag das Räucherwerk, der Rauch, der die Gebete nach oben trägt. Diese Tradition lebt in den Kirchen bis heute fort. Katholisch oder orthodox, überall steigt der Weihrauch bei feierlichen Augenblicken auf und legt sich wie ein Tuch über die Bänke.
Er ist ein Bild geworden für etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Der Rauch steigt auf, der Duft erfüllt den Raum, und für einen Moment fühlt sich die Luft an wie ein Gebet. Der Weihrauch trägt das weiter, was die Menschen seit Jahrtausenden suchen, die Verbindung zwischen hier und dort, zwischen dem Alltag und dem, was größer ist als wir.
Weihrauch heute
Und heute liegt ein kleines Tütchen mit goldenen Körnern auf deinem Tisch. Du legst ein paar davon auf die Kohle, und plötzlich ist da derselbe Duft, der schon die Tempel am Nil erfüllt hat. Ein Duft mit langer Geschichte, in deinem Zimmer, an deinem Abend.
Räuchern ist ein Moment der Achtsamkeit. Du zündest an, du wartest, du atmest. Ein kleines Ritual, das dich mit einer Kette verbindet, die von Babylon bis Bethlehem reicht, mit einem Duft, den die Menschen seit mehreren tausend Jahren zu ihren Festen, zu ihren Gebeten und zu ihren stillen Augenblicken tragen.
Räuchere dabei auf einer feuerfesten Unterlage, lass die Kohle nicht unbeaufsichtigt und lüfte währenddessen und danach. In Anwesenheit von Kindern, Schwangeren und Menschen mit Atemwegserkrankungen räucherst du besser nicht.

