Stell dir einen Winterabend vor. Draußen liegt der Schnee so hoch, dass die Türen fast zufrieren. Drinnen brennt ein Licht. Und irgendwo zwischen diesen beiden Welten geht einer, den wir alle kennen. Ein Mann in Rot und Weiß, ein Sack voller Geschenke, ein Schlitten, den Rentiere durch die Nacht ziehen.
Wir haben ihn tausendmal gesehen, diesen Mann. Wir kennen seinen Bart, sein Lachen, seinen Weg durch den Kamin. Was wir meist nicht kennen, ist die alte stille Spur, die tief unter seiner Gestalt liegt und in die Wälder des Nordens zieht. Zu einem Pilz, der in den Riten einiger Völker des Nordens seinen Platz hatte. Zu dem König des Waldes. Rot mit weißen Tupfen, genau wie das Gewand des Weihnachtsmanns.
Kann es wirklich sein, dass ein Pilz in den Weihnachtsmann hineingewandert ist? Die Frage klingt verrückt und genau deshalb lohnt es sich, ihr mit Staunen zu folgen. Ehrlich, wie es sich gehört, ist es eine Theorie der Kulturgeschichte und keine belegte Tatsache. Aber sie ist so tief und so schön, dass sie unser Bild vom Winter verändert, sobald wir sie einmal gehört haben.

Ein Pilz, den die Menschen verehren
In den Weiten Sibiriens war der Fliegenpilz bei einigen Völkern über Jahrhunderte weit mehr als ein Pilz am Wegesrand. Bei manchen galt er als heilig, bei anderen spielte er gar keine Rolle. Die Überlieferung erzählt von Schamanen, die ihn sammelten und trockneten und ihn zu den Festen der dunkelsten Zeit des Jahres trugen. In der Mittwinternacht, wenn die Sonne am tiefsten steht, galt er als Schlüssel zur Geisterwelt. Wer ihn im Ritual begleitete, so wird es erzählt, trat in Verbindung mit den Ahnen und den Kräften, die jenseits der sichtbaren Welt wohnen.
Man muss sich dazu einen Winter vorstellen, in dem die Sonne wochenlang kaum über den Horizont steigt. Die Menschen leben in Zelten aus Stangen und Fellen, das Feuer brennt Tag und Nacht, und draußen steht der Schnee bis an die Knie. In dieser Welt war der Fliegenpilz kein Gift und kein Rauschmittel, sondern ein Zeichen. Wer ihn fand, brachte ihn mit. Wer ihn aufbewahrte, hütete ihn sorgfältig, denn er sollte das ganze Jahr reichen.

Die zweite Aufnahme führt weiter in den Norden. Sie zeigt ein Winterlager, wie es dort über Jahrhunderte ausgesehen hat, Menschen in schweren Fellen zwischen kegelförmigen Zelten, die Rentiere in der Nähe, weil ohne sie niemand diesen Winter übersteht.

Wer diese Bilder sieht, versteht, warum die Geschichte vom Mann in Rot und Weiß aus dem Wald kommt. Sie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern dort, wo der Winter lang ist und der rote Hut im Schnee leuchtet.
Auch die Rentiere gehören zu dieser Geschichte. In populären Darstellungen heißt es, dass Rentiere den Fliegenpilz mit großer Lust suchen, dass sie ihn aus dem Schnee scharren und ihm weit folgen. Belegt ist, dass Rentiere den Pilz fressen. Die Tiere, die den Schlitten ziehen, und der Pilz, der unter den Bäumen wächst, teilen sich im Norden denselben Boden. Und genau bei dieser Nachbarschaft beginnt die kühne Theorie vom Weihnachtsmann.
Rot und Weiß
Schau dir den Fliegenpilz genau an. Sein Hut leuchtet rot wie ein Laternenlicht im Schnee. Darauf liegen weiße Tupfen, wie frischer Frost auf einer roten Frucht. Und dann schau dir den Weihnachtsmann an. Roter Mantel, weißer Pelzbesatz, weiße Borte, weißer Bart. Die beiden Farben sind dieselben. Es ist, als trüge der Pilz das Gewand des Winters schon lange vor uns.
Ein Beweis ist das nicht. In dieser Theorie wird daraus eine Erinnerung, die sich über die Generationen weitergetragen hat. Der Pilz, der im Herbst aus dem dunklen Boden leuchtet, wurde in dieser Erzählung zum Bild für das Geschenk mitten in der kalten Zeit. Und als irgendwann ein freundlicher Geber in die Mitte dieser Bilder trat, trug er die Farben des Waldes.
Geschenke, Kamin und fliegende Rentiere
Die Idee hat einen Namen und einen Weg. Der Ethnomykologe Gordon Wasson forschte Mitte des letzten Jahrhunderts über heilige Pilze und brachte den Fliegenpilz mit uralten Ritualen in Verbindung. Später griff der Anthropologe John Rush den Faden auf und zeichnete ein Bild, das fast zu schön ist, um wahr zu sein. In dieser Erzählung zieht der Schamane des Nordens in der dunklen Jahreszeit mit einem Sack voller getrockneter Pilze von Jurte zu Jurte und steigt durch die Rauchöffnung im Dach, genau dort, wo heute der Kamin ist. Und er bringt Gaben. Genau wie der Weihnachtsmann.
Auch der Weihnachtsbaum findet in dieser Theorie seinen Platz. Der Fliegenpilz wächst gern unter Birken und Fichten, an den Füßen der großen Bäume. Die Geschenke unterm Baum, so die Erzählung, erinnern an die Gaben, die am Fuß des heiligen Baumes lagen. In der nordischen Überlieferung gilt der Baum als Achse der Welt, als Leiter zwischen Himmel und Erde. Einen Beleg dafür, dass der Weihnachtsbaum daraus entstanden ist, gibt es nicht. Und die Socken am Kamin? In manchen populären Erzählungen wurden die Pilzkappen über dem Feuer zum Trocknen aufgehängt, mit den Stielen nach oben, an Schnüren über dem Herd. Da hängen sie, klein und rot, wie Strümpfe am Kamin. Die Strümpfe am Kamin haben ihre eigene Geschichte, sie stammen aus der Nikolauslegende, in der das Gold in trocknende Strümpfe vor dem Feuer fiel.
Und die fliegenden Rentiere? Auch sie bekommen in dieser Geschichte ihren Auftritt. In manchen populären Erzählungen springen Rentiere, die den Fliegenpilz gefressen haben, hoch und drehen sich. Für die fliegenden Rentiere gibt es eine andere, belegte Spur: Sie erscheinen 1823 in einem amerikanischen Gedicht, das Santa mit seinem Schlitten durch die Luft fahren lässt.
Der Weg des Nikolaus
Die Geschichte des Weihnachtsmanns, wie die Geschichtsschreibung sie kennt, beginnt bei einem Bischof namens Nikolaus, der im vierten Jahrhundert in der Stadt Myra lebte, im Süden der heutigen Türkei. Nikolaus war bekannt für seine heimliche Großzügigkeit. Er legte Gaben an die Türen der Armen, ohne gesehen zu werden. Aus ihm wurde der heilige Nikolaus, dessen Fest am 6. Dezember gefeiert wird.
Über die Niederlande, wo er Sinterklaas hieß, wanderte er mit den Auswanderern nach Amerika und wurde dort zu Santa Claus. Sein rotes Gewand erinnert an das Gewand des Bischofs, mit weißem Besatz. Und seine heutige Gestalt, der rundliche lachende Mann im roten Mantel, wurde im 19. und 20. Jahrhundert geformt. Vom Zeichner Thomas Nast, der das moderne Santa-Bild prägte, und später von den Bildern der Werbung, die sein Bild in alle Welt trugen.
Der Weihnachtsmann hat viele Väter. Nikolaus, den Bischof. Es gibt die Theorie, dass Odin mit seinem weißen Bart und seinem nächtlichen Ritt auf Sinterklaas eingewirkt habe. Und, wenn wir der Theorie folgen wollen, auch den Pilz des Waldes.
Was davon bleibt
Und jetzt die ehrliche Einordnung, denn die gehört zu dieser Geschichte dazu. Die Verbindung zwischen Fliegenpilz und Weihnachtsmann ist eine faszinierende Theorie, aber sie ist nicht bewiesen. Viele Historiker widersprechen ihr. Der Historiker Ronald Hutton sagt, die Schamanen Sibiriens seien nicht mit dem Schlitten gereist und hätten keine rot-weißen Gewänder getragen. Der Volkskundler Tim Frandy, selbst aus einer samischen Gemeinschaft, nennt die Erzählung eine Zuschreibung von außen und verweist darauf, dass der Fliegenpilz in Sápmi im September erscheint und im Dezember längst unter dem Schnee liegt. Dass ein Pilz tatsächlich in die Figur des Weihnachtsmanns hineingewandert sei, lässt sich aus den Quellen nicht sicher belegen. Und eine Sache steht außerhalb jeder Theorie: Der Fliegenpilz ist giftig. Er gehört nicht auf den Teller und nicht in die Teetasse.
Vielleicht geht es bei dieser Geschichte auch gar nicht um Beweise. Es geht um ein Staunen, das tiefer sitzt. Dass Rot und Weiß die Farben des Winters sind. Dass der Wald im Dunkelsten seine hellsten Gaben macht. Dass unter jedem großen Baum etwas liegt, das uns erwartet. Der Fliegenpilz war lange vor uns da. Er stand schon im Herbstlaub, als es noch keinen Weihnachtsmann gab. Und wenn wir heute das rote Gewand sehen, das durch die Winternacht zieht, dann dürfen wir uns erinnern, dass der Wald sich darin versteckt hat.
So bleibt am Ende ein Bild, das niemand beweisen muss. Ein Mann in Rot und Weiß, ein Wald voller Geschichten und ein Pilz, der Rot und Weiß in die dunkle Zeit trägt.

