Es gibt ein Bild, das jeder kennt, noch bevor er je einen Wald betreten hat. Ein roter Hut, weiße Punkte, im dunklen Moos. Der Fliegenpilz ist das Urbild des Pilzes überhaupt, das Wesen aus den Märchen, der König des Waldes.
Der Glückspilz
Wir lieben Pilze, jeden einzelnen. Und dann gibt es einen, der bis heute für das Glück steht. Seit dem 19. Jahrhundert ist der Fliegenpilz das Bild, das wir mit dem Wort Glückspilz verbinden. Es soll Menschen gegeben haben, die seinen Fund als Glückszeichen lasen, und so wurde sein rotes, weiß gepunktetes Bild zu einem der bekanntesten Glückszeichen. Auf Postkarten, auf Neujahrswünschen, in den Märchen der Kinder. Auch bei uns ist er genau das, ein Glücksbringer, dem du begegnest, wenn dir der Wald wohlgesonnen ist. Dass Katharina ihren Kanal nach ihm benannt hat, ist kein Zufall.
Der König des Waldes
Auch in den Weiten Sibiriens begegnet er uns. Bei mehreren indigenen Völkern Sibiriens galt er als ein Wesen mit eigenem Willen. Schamanen einiger dieser Völker sammelten und trockneten ihn und ehrten ihn in ihren Riten. In vielen Riten aber war er nicht nötig, und manche dieser Völker schenkten ihm gar keine Aufmerksamkeit. Den Namen, den wir ihm bei Greenplantern geben, tragen wir als unser eigenes Bild. Der König des Waldes.
Das Licht der Erde
Sein Weg beginnt im Verborgenen. Unter dem Moos wächst zuerst ein feines Netz, das Myzel, unsichtbar und still. Dann schiebt sich der Stiel ins Licht, das Rot entfaltet sich, und zuletzt steht er da mit weißen Punkten wie ein Stück Himmel. Ein Wesen zwischen Erde und Licht, ein Hüter der Schwelle.
Tief im Regenwald von Chiapas, im Südosten Mexikos, lebt ein kleines Maya-Volk, das sich selbst Hach Winik nennt, die wahren Menschen. Die Lakandonen gehören zu den Maya, und von allen Maya-Gruppen haben sie ihre Eigenständigkeit am stärksten bewahrt. In ihrer Welt ist der Wald ein ganzer Kosmos, so wird es erzählt. Für den Fliegenpilz haben sie einen Namen, der wie ein Gebet klingt. Äh kib lu’um, das Licht der Erde. Aus dem Hochland von Guatemala ist dazu ein zweiter Name überliefert, der Donnerkeil-Pilz, für ein Wort, das auch Donner und Blitz bedeutet.
Wenn sein roter Hut aus dem dunklen Moos bricht, leuchtet er im Schatten der Bäume wie ein kleines stilles Feuer. Für die Lakandonen ist er das Licht, das die Erde selbst hervorbringt, aus der Tiefe, aus dem, was unter der Oberfläche wartet und ans Licht will. Der alte Chan K’in, ihr geistiger Führer, bewahrte dieses Wissen. Er hatte es von seinem Vater, und der von seinem, bis zurück zu den Göttern, die den Wald erschaffen haben.
In den Kirchen des Mittelalters
Und dann ist da ein Rätsel, das bis heute die Kunsthistoriker beschäftigt. In der Kapelle von Plaincourault in Frankreich, erbaut im 12. Jahrhundert, hängt ein Fresko, das den Garten Eden zeigt. Zwischen Adam und Eva steht ein Baum. Seine Krone hat schirmartige, weiß gepunktete Formen, wie ein riesiger Pilzhut. Das Bild ist verblasst, und die rote Lesart geht auf eine nachkolorierte Fotografie aus dem Jahr 1911 zurück. Die einen sehen darin den Baum der Erkenntnis, die anderen sehen einen Fliegenpilz.

Fresko in der Kapelle von Plaincourault (Mérigny, Frankreich, 12. Jahrhundert). Foto: Aranthama, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0.
Ob das Fresko wirklich einen Pilz zeigt, ist bis heute umstritten, und die Kunsthistoriker lehnen die Pilzdeutung überwiegend ab. Aber die Frage selbst erzählt etwas. Der Fliegenpilz war den Menschen so nah, dass sie ihn selbst im Paradies vermuteten. Pilze tauchen in mittelalterlicher Buchmalerei auf und in der Volkskunst. Ein rotes Wesen mit weißen Punkten, das nicht vergessen werden wollte.
Ob die alten Bräuche, die den Pilz verehrten, mit der Christianisierung verdrängt und verteufelt wurden, ist nicht belegt. Erzählt wird es bis heute, und in dieser Erzählung wurde das Wissen um seine Tradition und seine Rolle als Glücksbringer leiser. Übrig blieb sein Bild. Das ließ sich nicht verbieten.
Der Mann in Rot und Weiß
Eine Spur führt bis in unsere Weihnachtszeit. Erzählt wird, dass die Schamanen die Pilze über dem Feuer trockneten und zum Trocknen auf die Zweige der Tannen hängten, wie Christbaumschmuck. Erzählt wird, dass sie auf Rentierschlitten aus dem Schnee kamen und rot-weiße Gewänder trugen, die Farben des Fliegenpilzes. Die These stammt aus der populären Literatur und nicht aus der ethnologischen Forschung. Der Historiker Ronald Hutton hält ihr entgegen, dass die Schamanen Sibiriens nicht mit dem Schlitten reisten und keine rot-weißen Gewänder trugen, und samische Stimmen nennen die Erzählung eine Zuschreibung von außen. Ob das die Wurzel des Weihnachtsmanns ist, weiß niemand sicher. Aber die Ähnlichkeit ist verblüffend und sie zeigt, wie tief dieses Wesen in unsere Bilderwelt eingedrungen ist.
Unser Fliegenpilz
Bei Greenplantern begegnet dir der Fliegenpilz als Räucherwerk. Der Fliegenpilz ist giftig. Wir verräuchern ihn, wir verzehren ihn nicht. Ein stiller Gruß an den König, ein Stück des Lichtes der Erde, das deinen Raum erfüllt, wenn du ihm einen Moment schenkst.


