Es beginnt mit einer Flamme und einem Korn Harz. Du hältst es über die Glut, wartest einen Atemzug, und dann steigt der Rauch auf, dünn und hell. Er dreht sich einmal im Morgenlicht und sucht sich seinen Weg in die Ecken des Raumes. In diesem Augenblick wird aus einem gewöhnlichen Zimmer etwas anderes. Die Luft trägt plötzlich einen Duft, der nicht von hier kommt, als hätte jemand ein Fenster zu einer anderen Landschaft geöffnet.
Ein Feuer, das nie erlosch
Seit die Menschen das Feuer kennen, kennen sie das Räuchern. In den Tempeln am Nil, in den Hütten der Waldvölker, in den Kirchen und in den stillen Kammern der Kräuterkundigen lag immer irgendwo ein Harz auf der Glut. In vielen Kulturen galt der Rauch als Bote. Er steigt nach oben, er nimmt etwas mit und er lässt etwas zurück. Genau darin liegt bis heute das Schöne an diesem Ritual. Etwas wird sichtbar, das wir sonst nur fühlen.
Weihrauch aus den Bergen des Oman
Der Weihrauch wächst dort, wo der Wind trocken über die Hänge zieht und die Erde nach Staub riecht. In den Bergen des Oman ritzen die Sammler die Rinde der Boswellia behutsam an und warten. Später sammeln sie die goldenen Körner, die in der Sonne erstarrt sind. Royal Hojari ist die bekannteste Handelsauswahl unter den omanischen Sorten. Sortiert wird nach Größe, Form und Farbe. Wer sie für die feinste hält, spricht als Liebhaberin oder Liebhaber, denn eine neutrale Rangliste gibt es nicht. Sein Duft ist würzig und klar, mit einem fast zitrischen Hauch, und er erfüllt einen Raum mit der Weite dieser Berge. Wenn du an einem solchen Korn riechst, liegt die Wüste darin und der Wind, der über die Hänge zieht.
Palo Santo, das Holz der Geduld
Unter anderem an den Küsten Perus und Ecuadors wächst ein Baum, dessen Duft nicht durch unsere Hand entsteht. Er muss von selbst umstürzen, und das Holz muss Jahre in der trockenen Luft liegen, erst dann öffnen sich die Harze. Süß und warm kommt der Rauch, holzig und ein wenig hell. In der andinen Tradition gehört das heilige Holz seit Generationen zur rituellen Arbeit, zum Verabschieden und zum Öffnen eines Raumes.
Weißer Salbei aus dem Trockenland
Der weiße Salbei stammt aus den Trockengebieten Südkaliforniens und Nordmexikos. Die indigenen Völker Kaliforniens binden ihn zu kleinen Sträußen und führen ihn brennend durch die Räume. Für uns begleitet sein Rauch den Übergang, das Abschiednehmen von etwas Altem und den Beginn von etwas Neuem. Wenn du den Strauß langsam durch ein Zimmer trägst, hältst du etwas in der Hand, das viel älter ist als dieses Zimmer.
Deine eigene kleine Zeremonie
Nimm dir einen Moment am Abend, wenn das Licht weich wird. Öffne ein Fenster, zünde dein Harz oder dein Holz an, lass die Flamme kurz tanzen und puste sie sanft aus. Dann gehst du langsam durch den Raum und lässt den Rauch in die Ecken ziehen, in den Flur, über deinen Tisch und über die Plätze, an denen du dich am liebsten aufhältst. Atme dabei ruhig. Zum Schluss stellst du die Schale ab und lässt den Duft noch eine Weile im Raum stehen. Räuchere nur auf einer feuerfesten Unterlage, lass die Glut nicht unbeaufsichtigt und lüfte während des Räucherns und danach. In Anwesenheit von Kindern, Schwangeren und Menschen mit Atemwegserkrankungen räucherst du besser nicht.
Der Rauch steigt auf und verliert sich unter der Decke. Was bleibt, ist ein Duft und ein Gefühl von Ordnung im Raum und in dir. Wenn du magst, mach daraus deinen eigenen kleinen Übergang, am Abend, am Sonntag, an dem Tag, an dem etwas zu Ende geht und etwas Neues anfängt. Genau so haben es die Menschen seit Jahrtausenden gehalten, und wir tun es bis heute gern.



